Möve – eine der Traditionsmarken im Fahrradbau

Möve ist eine der legendären Traditionsmarken im Fahrradbau. Wer einen Klassiker und Oldtimerfahrrad sucht, wird bei Möve fündig.

Wir erzählen über die Gründung und Geschichte der beliebten Marke, wie es zu dem berühmten Namen Möve kam, was die produzierten Fahrräder auszeichnete und wie die moderne Unternehmensstruktur aussieht.

Entstehung der Marke

Die Fahrradmarke Möve wurde im April 1894 von Gustav Walter ins Leben gerufen, als er seine Firma „Gustav Walter & Co.“ im thüringischen Mühlhausen gründete – damals allerdings noch als Produktionsfirma für Strickmaschinen.

„Walters Möve“

Doch schon zwei Jahre später, also 1896, sollten hier die ersten Fahrräder unter dem Namen „Walters Möve“ produziert werden. Kurz vorher hatte man schon fertige Fahrräder unter dem Namen „Falke“ angekauft und vertrieben, nun wurden eigene Fahrräder hergestellt. Die renommierte Fahrradhandlung Ernst Kilian in Arnstadt verkaufte zu dieser Zeit sechs Fahrradmodelle, darunter Walters Möve, ferner Adler, Wanderer, Brennabor, Claes Pfeil und Germania. Beflügelt durch den Erfolg ließ sich der Firmengründer ein weiteres Jahr später den Schriftzug „Möve“ als eingetragenes Warenzeichen schützen. Fortan bot er drei Marken an: Möve, Orion und Walter.

„Thüringische Maschinen- und Fahrradfabrik Walter & Co.“

1902, nachdem Gustav Walter an seinen Bruder Otto Walter verkauft hatte, wurde die Firma umbenannt in „Thüringische Maschinen- und Fahrradfabrik Walter & Co.“, die Rechtsform des Betriebs änderte sich in die – damals völlig neuartige – GmbH. Möve begann nun auch, seine Fahrräder nicht nur innerhalb Deutschlands zu verkaufen, sondern setzte stark auf das Exportgeschäft. So etwa startete die – spätere – holländische Fahrradfirma UNION 1904 zuerst als Fahrradhändler, der Orion- und Möve-Fahrräder aus Deutschland importierte.

1933 schenkt Otto Walter seinen Enkeln Arnold und Ulrich Wagner den Betrieb; 1937 kann man auf eine Produktionsbilanz von 500.000 Fahrrädern seit Gründung zurückblicken. Innerhalb der Firmenhierarchie sind die Möve-Räder mit einem Preis von 60 Reichsmark die teuersten, danach rangieren die Möve-Orion-Räder mit etwa 45 Reichsmark im Mittelfeld, während die Walter-Fahrräder etwa 38 Reichsmark kosten. 1938 wird die Produktionspalette um das Wehrsport-Rad „Modell 80“ erweitert. Ohnehin wurde seit 1936 sukzessive mit der Produktion von Rüstungsgütern sowie Leichtmotorrädern und Motorrädern produziert begonnen. Die Konzentration auf die Rüstungsgüter verstärkt sich in den Folgejahren, sodass die Fahrradproduktion 1941 gänzlich zum Erliegen kommt.

„VEB Möve-Werk Mühlhausen“

Nach dem Zweiten Weltkrieg wird der zwischenzeitlich landeseigene Betrieb in unter dem Markennamen „Möve‘, später als „VEB Möve-Werk Mühlhausen“ in Volkseigentum umgewandelt. Die Fahrradproduktion zieht an, 1955 wird das Fahrrad seit Gründung hergestellt. 1959 folgt der Prototyp des Mopeds „Möve Perle“, von dem nur dreißig Stück produziert wurden. Nach insgesamt etwa 1.250.000 produzierten Fahrrädern wird die Fahrradproduktion 1961 eingestellt, die Produktionsanlagen von Möve werden durch die MIFA-Werke übernommen und produzieren am Stammstandort Mühlhausen fortan KFZ-Zubehör hergestellt.

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Produktionsstandort in Mühlhausen

Produktionsstandort der Möve-Werke war von Werksgründung bis Produktionsende das thüringische Mühlhausen, das heute im Unstrut-Hainich-Kreis im Nordwesten Thüringens liegt. Neben Landwirtschaft und Handwerk ist hier seit jeher die Produktion zu Hause, die von der Holz-, Möbel- und Dachziegelproduktion über die Kammgarnherstellung bis zur Elektronik reicht. Nicht zuletzt ist Mühlhausen als Wirkungsstätte von Johann Sebastian Bach weithin bekannt.

Wurden die Möve-Fahrräder aus Mühlhausen direkt nach dem Zweiten Weltkrieg vorerst noch hauptsächlich als Reparationsleistung an die damalige UdSSR geliefert, ging die Firma 1947 in den Besitz des Landes Thüringen über. 1948 wurde sie in den Industrieverband Fahrzeugbau, kurz: IFA, eingegliedert, sodass die Räder aus Mühlhausen bald auch wieder verstärkt in Deutschland angeboten wurden. Im Zuge dieses Aufschwunges avancierten die Möve-Werke zum größten Betrieb Mühlhausens. Die Sonderstellung behielt das Mövewerk auch nach Aufgabe der Fahrradproduktion bei: Ab 1962 wurden hier Sitze für Nutzfahrzeuge gebaut, womit Möve der alleinige Nutzfahrzeugsitz-Hersteller der DDR wurde.

In der nach dem Firmengründer benannten Gustav-Walter-Straße 5 in Mühlhausen ist die 1994 gegründete „MÖVE Fahrzeugsitze GmbH“ ansässig. Zum 25-jährigen Firmenjubiläum 2019 bot das weltweit agierende mittelständische Unternehmen rund 60 Mitarbeitern Arbeit. Die Möve Wort-/Bildmarke gehört seit 2012 der Möve equipment & design GmbH, welche trotz gleichen Standorts keinerlei Verbindung zu der Ursprungsfirma hat.

Modelle – mehr als nur Fahrräder

Aufgrund der reichen Geschichte des Standorts Mühlhausen in der Textilindustrie startete auch Möve bei seiner Gründung 1894 mit Strickmaschinen in der Brunnenstraße. Da diese jedoch nicht genügend Umsatz generierten, wurde mit Hilfe eines Schweizer Radprofis eine Fahrradproduktion ins Leben gerufen.

Drohung einer Insolvenz

Die Marke „Möve“ baute qualitativ gute Fahrräder, doch erfreute sich das damals als „Velociped“ bekannte Fahrrad einer zunehmend großen Beliebtheit unter der Bevölkerung, sodass der Markt bald mit billigeren Modellen überschwemmt wurde, die in den USA produziert wurden und in Deutschland reißenden Absatz fanden.

Beinahe hätte Möve Insolvenz anmelden müssen, doch waren es nun die Strickmaschinen, die 1902 den Betrieb retteten. Genauer: die Modelle „Gloriosa“ und „Thuringia“. Fahrräder wurden zum Nebengeschäft. Der Firma ging es dank Export wieder gut; mit etwa 550 Mitarbeitern galt sie als wirtschaftliches Großkaliber Mühlhausens. So konnte man sich auch ein erstes Experiment mit der Produktion von Motorrädern leisten, das noch vor den Ersten Weltkrieg fiel. Im Krieg brach das Exportgeschäft weg, und fehlende Arbeitskräfte taten ihr Übriges: die Firma lieferte ihre Fahrradmodelle jetzt an die Front, und die Produktionspalette erweiterte sich um Seitengewehre, Pistolen und leichte Minenwerfer.

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Das Rekorsjahr 1925 und nachfolgende Erfolge

1925 ging als Rekordjahr in die Geschichte des Unternehmens ein; es gelang Möve, mehr als 27.300 Fahrräder zu produzieren – und zu verkaufen. Erneut konnte die Motorradproduktion aufgenommen werden, doch die Weltwirtschaftskrise setzte den Motorrad-Modellen 1929 ein schnelles Ende. Im Zweiten Weltkrieg waren diese jedoch an der Front gefragt, unter dem Modellnamen „Möve Flug“ wurden Mofas für die Wehrmacht gebaut. Daneben setzte Möve auf die Rüstungsproduktion, baute Maschinengewehre und Granatwerfer, fertigte aber vor allem Großaufträge für die Luftwaffe.

Nach der Verstaatlichung

Nach der Verstaatlichung 1947 besann man sich wieder als dem IFA angegliedertes „VEB Möve-Werk Mühlhausen“ wieder auf die Fahrradproduktion, die im Grunde auf zwei Modellen beruhte, wobei das Touren- bzw. Gepäckrad den Markenkern bildete. Die Spezialität dieser Räder war es, ohne angelötete Teile auszukommen, was sie besonders stabil machte. Zu den einzelnen Fahrradmodellen inklusive Sondermodelle siehe auch den Abschnitt „Fahrradmodelle“.

Nach Einstellung der Fahrradproduktion 1961 wurden bis zum Ende der DDR 1990 Sitze für Nutzfahrzeuge produziert. Diese Tradition führt die 1994 gegründete „MÖVE Fahrzeugsitze GmbH“ fort.

Unternehmensstruktur

Die Rechtsform der Gründungsjahre der Firma „Gustav Walter & Co.“ war eine damals übliche Compagnie Kommanditgesellschaft, für welche Gründer Gustav Walter auch die Herren Verges und Schulze an Bord holte. Bei Verkauf an seinen Bruder Otto Walter firmiert die Firma bereits als „Thüringische Maschinen- und Fahrradfabrik Walter & Co.“

Trotz des Namens ist die Rechtsform nun eine GmbH, eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung. Diese gilt als eine der weltweit ersten Formen von haftungsbeschränkten Kapitalgesellschaften. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Unternehmen unter NSDAP-Herrschaft verstaatlicht und der Rüstungsproduktion zugeführt.

1948 erfolgt der Übergang vom landeseigenen Betrieb in Volkseigentum, ca. 1950 die Umbenennung in „VEB Möve-Werk Mühlhausen“, dessen Produktionsanlagen 1961 durch die – ebenfalls volkseigenen – MIFA-Werke übernommen wurden, wo bis zum Ende der DDR unter dieser Rechtsform weiter produziert wurde.

Nach der Wende erfolgte 1994 die Gründung des Mittelständlers „Möve Fahrzeugsitze GmbH“, womit sich der Kreis der Gesellschaft mit beschränkter Haftung schließt.

Fahrradmodelle – Tourenräder und Besonderheiten

Seitdem die erste „Walters Möve“ produziert wurde, hat sich das Unternehmen den Ruf erworben, vor allem preiswerte Tourenfahrräder zu produzieren. Zunehmend besinnt man sich jedoch auf den Firmenslogan „Das feine Rad!“ und erweitert die Produktionspalette beständig durch neue Modelle.

Ab spätestens 1948 liefen Möve-Tourenräder mit einer 28er-Laufradgröße vom Band. Diese galten bis zuletzt als Rückgrat der Marke Möve: Schon in den 1930er-Jahren fertigte Möve eine erste Modellreihe von Tourenrädern, in der ersten Hälfte der 1950er-Jahre kam die zweite dazu. Seit den 1930er-Jahren wurde das Herrentourenrad unter der Modellnummer „184“, das Damentourenrad als „185“ angeboten. Nachdem die Produktion für die heimische Bevölkerung wieder aufgenommen wurde, gab es 1951 exakt diese beiden Modelle im Angebot, doch bald schon kamen weitere Modelle – unter anderem mit 26er-Laufradgröße – hinzu. Diese wurden zweiten Modellpalette im Zeitraum von 1954 bis 1960 produziert.

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Das Jubiläum der Produktion des millionsten Möve-Fahrrades feiert der Betrieb 1955 mit einer Neuauflage seiner Klassiker: den Sondermodellen „Gold“ und „Silber“, wobei ersteres auf dem leichten Herren-Tourenrad „Modell 100“, letzteres auf dem Herren-Tourenrad „Modell 10“ basiert.

Doch schon ab 1959 wurde das Angebot im Zuge der staatlich verordneten Sortimentsbereinigung wieder verringert. So erfolgte 1960 die Neunummerierung der Rahmennummern, die nun wieder bei „0“ begannen. Gleichzeitig wurde ein Modellwechsel vorgenommen. Das 28er-Herrenrad, welches jetzt als „Modell 35101“ firmierte, bekam einen Lenker, der dem Zeitgeist entsprechend weniger gebogen war. Im Rahmen des Modellwechsels wurden auch ein 28er-Damenrad mit zwei Querstreben und sogenanntem „Schwanenhals“, ein 26er-Mädchenfahrrad mit einem gebogenen Oberrohr sowie das – unveränderte – Gepäckfahrrad angeboten.

Eine Besonderheit waren die Möve-Saalsporträder wie das Radballfahrrad „Modell 35 801“ von 1959, das 26er-Reigenfahrrad „Modell 35 803“ oder das 26er-Kunstfahrrad „Modell 35 802“. Schon seit den 1950er-Jahren (und bis Ende der Fahrradproduktion) war Möve alleiniger Saalsportmaschinen-Serienhersteller in der DDR. 1956 baute Möve sein 28er- Tandem, das in lediglich geringer Stückzahl aufgelegt wurde. Hierbei wurde ein klassischer 28er-Tourenradrahmen durch einen abnehmbaren Zusatzrahmen verlängert.

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