
Am 01.07.1899 gründeten Carl Miele und Reinhard Zinkann einen bis heute bestehenden und durchaus florierenden Betrieb. Die beiden engagierten jungen Leute hatten schon zu Beginn eine stolze Anzahl von 11 Mitarbeitern.
Erster Produktionsstandort war eine stillgelegte Korn- und Sägemühle in Herzebrock im Kreis Gütersloh in Westfalen. Hier fertigten sie erst Milchzentrifugen bis sie im Jahr 1900 auch Buttermaschinen in die Produktion aufnahmen. Noch in dem gleichen Jahr wurde auch die erste Waschmaschine entwickelt.
Der Familienbetrieb wuchs zunehmend, so dass die ehemalige Mühle bald nicht mehr ausreichte. Miele zog mit inzwischen knapp 60 Mitarbeitern in eine alte Pumpenfabrik in Gütersloh-Nordhorn um. Hier begannen sie 1912 mit der Fertigung der ersten Autos. Automobile waren zu jener Zeit keine Anschaffung, die sich jeder leisten konnte. Miele und Zinkann mussten sich etwas einfallen lassen, wenn sie ihre Produkte der breiten Bevölkerung anbieten wollten. In den Kriegswirren des ersten Weltkrieges und noch dazu auf dem Land, wurde das Rad inzwischen zum wichtigsten Transport- und Fortbewegungsmittel.
Die Räderherstellung war bereits vor Beginn des ersten Weltkrieges in Planung. Als dieser 1914 begann, wurde die Weiterentwicklung zunächst gestoppt. Doch schon 1916 liefen wieder die ersten Vorbereitungen für eine Fahrradproduktion in der „großen Fahrrad- und Maschinenfabrik“ an, die dann schon in Bielefeld eröffnet worden war.
Es sollte jedoch noch 8 Jahre dauern, bis 1924 endlich das erste Miele-Fahrrad hergestellt wurde. Grund für die Verzögerung war zum einen, dass die Heeresverwaltung einige Räume der Fabrik belegte. Zum anderen wurden Stahlrohre für die Räderproduktion benötigt, diese fehlten jedoch eine sehr lange Zeit.
Während der erste Weltkrieg die Menschen in Atem hält, beschließen Carl Miele und sein Geschäftspartner Reinhard Zinkann, dass der Bau von Fahrrädern eine gute Idee wäre. Seit dem Bezug des großen Werks in Gütersloh waren inzwischen 10 Jahre vergangen, nun wurde die Nachbarstadt bezogen, Bielefeld. Hier sollte mit der Herstellung der ersten Miele-Räder begonnen werden. Die Stadt wurde von den beiden Gründern nicht zufällig ausgewählt. Es gab in Bielefeld bereits eine erfolgreiche Fahrradproduktion, somit auch genügend erfahrene Mitarbeiter.
Miele und Zinkann hatten das richtige Gespür für den akuten Bedarf der Menschen. Räder waren billig, liefen ohne Kraftstoff und konnten selbst auf Trampelpfaden relativ sicher zum Transport genutzt werden. Insgesamt verkaufte Miele ca. 2 Millionen Fahrräder und wurde somit zu einem der erfolgreichsten Unternehmer dieses Marktes. Bis Ende der 50er, in welchen das Auto für die Bevölkerung erschwinglicher wurde, konnte Miele dann auch viele motorisierte Räder verkaufen.
Miele und Zinkann hatten ein sehr gutes Gespür für Marketing. Kurz vor der Präsentation ihres ersten eigenen Rads, kündigten sie dieses mit prägnanten Werbeslogans an:
Du kommst sehr schnell und leicht zum Ziele, fährst Du ein Fahrrad der Marke Miele
Wir bauen ein Fahrrad in der Form vollendet, leicht im Lauf, qualitativ durchgearbeitet bis in die kleinsten Einzelheiten, ein Rad, das nicht für die Rennbahn, sondern für den anstrengenden Tagesgebrauch bestimmt ist.
Miele produzierte zuerst zwei verschiedene Modelle, je ein Damen- und ein Herrenrad. Die Werbung war erfolgreich und hatte nicht zu viel versprochen. Die Räder waren so beliebt, dass die Produktpalette nur drei Jahre später um zusätzliche Modelle erweitert wurde. Es gab nun Tourenräder und spezielle Räder für Sportler oder für den Gebrauch auf der Straße. Doch gab es nicht nur die kompletten Räder, daneben wurde auch Zubehör angeboten:
Außer der Qualität hat Miele einen weiteren erfolgversprechenden Vorteil, die Unternehmensstruktur. Seit der Gründung hat sich daran nichts grundlegend geändert. Miele wurde als Familienunternehmen geschaffen und ist es noch heute. Die operative Führung des Unternehmens besteht unter anderem aus Dr. Markus Miele und Dr. Reinhard Zinkann als geschäftsführenden Gesellschaftern.
Als Familienunternehmen hat sich Miele seit seiner Gründung 1899 die Unabhängigkeit bewahrt. Der Betrieb fühlt sich den Eigentümern genauso verpflichtet wie den Mitarbeitern, Kunden oder Geschäftspartnern. Auch soziale Themen, die Umwelt oder Gesellschaft betreffend, beschäftigen das Unternehmen immer wieder.
Miele hat einen selbst gegebenen Auftrag, diesen erteilten sich die Gründer 1899 und ihre Nachfahren folgen ihm noch heute. Miele möchte eine Marke sein, der die Menschen weltweit vertrauen und deren Produkte überall begehrt sind. Bis heute sind die Werke von Miele durch den Leitsatz „Immer besser“ geprägt, der schon auf den ersten Maschinen prangte. Vor allem bei den von Miele hergestellten Fahrrädern wurde Leistung mit Komfort und Energieeffizienz verbunden.
Alle Miele-Radmodelle hatten eins gemeinsam, die Miele-Qualität! So konnte Miele dank verschiedener – auf jeden Bedarf zugeschnittene – Modelle und der exklusiven Qualität die Krise der deutschen Fahrradindustrie Ende der 20er Jahre überstehen.
Die Produktpalette der Miele-Räder war vielfältig, bereits in den Anfangsjahren und auch heute noch. Egal ob Jugend- oder Erwachsenenräder, Hollandräder oder Räder, die extra viel Gepäck laden können, Jung und Alt fanden in diesem Sortiment stets das passende Modell für alle Gelegenheiten.
Zu erkennen waren alle Modell von Miele an der von einem Pfeil durchbrochenen Weltkugel, die auf dem vorderen Schutzbleck angebracht wurde.
Eines der Miele-Modelle war „Melior“. Hier wurde auf den Wahlspruch des Unternehmens Bezug genommen. „Immer besser“ lautet in Latein „Semper Melior“. In der mittleren Preisklasse gab es qualitativ nur wenige Räder die besser waren als dieses, so machte es seinem Namen also alle Ehre. Es gab zwei Klassen dieses Modells:
Der Rahmen der Melior-Räder wurden aus mehrfach kalt nachgezogenem Stahl gearbeitet und verfügten über ein extra verstärktes Unterrohr, Kurbel und Glocke wurden aus einem Stück gegossen. Weitere Merkmale dieses Fahrrads waren unter anderem:
Zum Lieferumfang gehörten außerdem eine gefüllte Werkzeugtasche und eine Luftpumpe.
Sehr beliebt waren die Räder der Modellreihe „Amsterdam“, Klasse 13. Wie der Name vermuten lässt, waren diese Fahrräder nach holländischer Bauart gefertigt. Sie eigneten sich besonders für Fahrten im ebenen Gelände, da die Sitzposition aufrechter war als bei den klassischen Rädern deutscher Bauart. Zu den herausragenden Merkmalen dieses Modells zählten beispielsweise Folgende:
Miele hat eine spezielle Reihe Gepäckfahrräder der Klasse 19 produziert, diese waren den heutigen Lastenrädern gar nicht unähnlich. Das zu verstauende Gepäck konnte in unterschiedlichen Behältnissen untergebracht werden. Es gab die Variante mit einem Gepäckkorb, der aus Flacheisen hergestellt war, hier verrutschte nichts, sicher verstaut konnten selbst schwere Lasten transportiert werden. Eine weitere Möglichkeit, zu der sich die Käufer individuell entscheiden konnten, war der flexiblere Korb aus Rohr. Bei diesem konnten die Seitenwände heruntergeklappt werden. Das Gepäckrad verfügte über noch mehr sehr viele nützliche Zusätze, zum Beispiel:
Bei den meisten Modellen, auch bei diesem, gab es jeweils eine Ausführung für Frauen und eine für Männer.
Im Jahr 1939 wurde eine Hinweisschrift mit allgemeinen Informationen zu den Miele-Rädern veröffentlicht. In dieser wurden alle Merkmale im Detail beschrieben. Da es sich um ein Merkblatt handelt, welches das Unternehmen selbst herausgegeben hat, wurden natürlich nur Vorteile der Miele-Räder beworben. Besonderheiten, die alle Modelle gemeinsam hatten, waren beispielsweise:
Besonders sprang der letzte Hinweis in der Broschüre von Miele ins Auge. Wichtiger noch als jeder Rahmen, Reifen oder Sattel, bedeutender als alles Zubehör: Miele gab zu verstehen, dass jeder jung bleibt, der Rad fährt. Außerdem erhalten sich Radler Elastizität und Gesundheit. Auch hier hatte Miele damals schon ein Gespür für Marketing.
Die Klassen in den Modellnamen ließen unter anderem Rückschlüsse auf die Räder- oder Rahmengröße zu. In der Klasse 12 betrug der Durchmesser der Laufräder 18 Zoll, in Klasse 15 waren es 26 Zoll. Beide Klassen boten dazu noch mindestens zwei verschiedene Rahmenhöhen.
Bei den Sporträdern konnten die Größen noch leichter zugeordnet werden. Klasse 26 stand hier für 26 Zoll und die 28 für einen Durchmesser von 28 Zoll.